In Jerash auf den Spuren der Römer
Die antike Stadt Jerash im Norden Jordaniens geniesst den Ruf als die besterhaltenste römische Stadt der Welt. Und das aus gutem Grund. Wie einst die Römer wandeln heute Besucher in der um die 2000 Jahre alten, erstaunlich intakten Stadt, die ein in der Welt einzigartiges elliptisches Forum sowie eine 600 Meter lange Kolonnaden-straße umfasst. Einmal jährlich erwacht Jerash zu neuem Leben: Das Jerash-Festival unter der Schirmherrschaft von Königin Noor ist das Kulturereignis der Region. Seit 1981 treten immer im Sommer zwei Wochen lang Künstler und Musiker aus aller Welt auf.

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Jerash - Prachtstraße mit Kolonnaden, Foto: FVA Jordanien
Jerash, das antike Gerasa, zählte zum römischen Bund der Dekapolis, einem Verbund freier Städte, und war eine der großen römischen Kolonien, die während der Ausdehnung des Römischen Reiches nach Osten im 1. Jahrhundert vor Christus auf dem gesamten jordanischen Hochplateau entstanden.

Der Standort Gerasas inmitten der Hügellandschaft des biblischen Gilead war für Rom eine naheliegende Wahl, zumal hier ein ähnliches Klima herrschte, sich hier die Kreuzung mehrerer großer Handels- und Karawanenstraßen befand und man von hier aus den gesamten Ghor-Graben und das Jordantal kontrollieren konnte.

Gerasa entwickelte sich zu einem wichtigen Handelszentrum mit einer von Rom unabhängigen Verwaltung und erlebte im 1. Jahrhundert nach Christus Zeiten des Friedens und des Wohlstands. Der Handel mit der Provinz Syrien und dem Nabatäerreich florierte und führte zu einem intensiven Kulturaustausch, dessen Einfluss auch an dem kunstvollen Skulpturen-schmuck vieler städtischer Bauten sichtbar ist.
Gerasa war ursprünglich in einen Ost- und einen Westteil gegliedert, der durch ein enges Tal mit Fluss, den Joabok, natürlich getrennt war. Die Stadt erstreckte sich über eine Gesamtfläche von 84 Hektar und war von einem 2-3 Meter dicken und 4-5 Meter hohen Wall umgeben. Dieser Mauerring hatte einen Umfang von insgesamt 3,5 Kilometern und war mit 120 quadra-tischen Wehrtürmen gesichert.

Leider fiel die Mauer der Bauwütigkeit späterer Generationen zum Opfer und auf dem östlichen Teil der antiken Metropole entstand das moderne Jerash. Nur einem entsprechenden Verbot aus dem Jahr 1923 ist es zu verdanken, dass der Westteil Gerasas uns heute mit seinen römischen und byzantinischen Bauwerken als archäologische Ausgrabungsstätte erhalten geblieben ist.
Das Ruinengelände von Gerasa gilt heute als bestes Beispiel einer spätantiken Provinzstadt im Nahen Osten.

Eines der wohl beeindruckendsten Zeugnisse der römischen Baukunst ist das ovale Forum (auch als Agora bezeichnet), auf der der gesamte offizielle und geschäftliche Verkehr abgewickelt wurde. Der weltweit einzigartige elliptische Marktplatz misst 90 x 80 Meter, verfügt über eine zentrale Säule und ist ringsherum von Säulen begrenzt.

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Ovales Forum, Jerash, Foto: FVA Jordanien
Das Forum war Teil der ersten römischen Stadtanlage und kann auf das 1. Jahrhundert nach Christus datiert werden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Forum einst von sich zum Platz hin öffnenden Geschäften umgeben war, da auf der Innenseite der Kolonnaden ein 2 Meter breiter Gehsteig verläuft.

Nach fast 2000 Jahren und diversen Erdbeben grenzt es an ein Wunder, dass noch 56 ionische Originalsäulen erhalten geblieben sind. Dies hängt damit zusammen, dass Jerash vollkommen mit Sand bedeckt war und Verwitterung und Erdstöße dadurch abgefangen werden konnten.

Eine weitere Rarität von Jerash ist der sogenannte Cardo Maximus, die Hauptstraße der Stadt aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Der Cardo Maximus ist eine schnurgerade nach Norden gerichtete, 800 Meter lange Pflasterstraße, die vom ovalen Forum bis zum nördlichen Stadttor verläuft.

In der Vergangenheit war diese Prachtstraße auf ganzer Länge von einem Säulengang gesäumt, von dem heute noch über 500 Säulen - einige vollständig mit Kapitellen - erhalten sind. Die Kolonnaden sind unterschiedlich hoch und vorwiegend mit korinthischen, im Ovalen Forum und im nördlichen Straßenabschnitt aber auch auch mit ionischen Kapitellen, gekrönt.

Unterhalb des Straßenpflasters hatten die Einwohner der antiken Stadt ein ausgeklügeltes System von Abwasserkanälen angelegt. Die Pflastersteine waren diagonal verlegt, um die Eisenräder der Fuhrwerke nicht zu hart anstoßen zu lassen. Die Radfurchen der schwerbeladenen Gefährte haben sich im Laufe der Jahrhunderte tief in den Stein gefressen und sind noch heute zu sehen.

Entlang dieser Flaniermeile lagen alle Gebäude, die für das öffentliche Leben in Gerasa von Bedeutung waren. So auch das Nymphäum, ein üppig ver-zierter öffentlicher Brunnen aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Die nach innen gewölbte Schauseite dieser grandiosen, zweigeschossigen Brunnenanlage misst 11 Meter im Durchmesser.
Gerasa hatte mehrere Theater. Das kleinere Nordtheater mit ursprünglich 800 Plätzen, das später um einen zweiten Rang mit weiteren 800 Plätzen erweitert wurde und das ungleich größere Südtheater, das zu den eindrucksvollsten Zivilbauten Gerasas zählt und zweifellos das schönste seiner Art im ganzen Vorderen Orient ist.

Das Südtheater von Gerasa fasst 5000 Zuschauer auf zwei Rängen à 29 alphabetisch geordnete Sitzreihen - 14 in drei Sitzkeile unterteilte Reihen auf dem unteren Rang sowie 15 in acht Sitzkeile unterteilte Reihen im oberen Rang. Und nicht nur diese Zuschauerreihen, sondern auch die mit Säulengangen, Nischen und monumentalen Toren dekorierte Bühne ist in einem ausgezeichneten Zustand konserviert. Das Theater wurde von den Archäologen 1953 restauriert und wird dank seiner ausgezeichneten Akustik gern für Veranstaltungen genutzt.


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Hadrians-Bogen, Jerash, Foto: FVA Jordanien
Weitere Höhepunkte Jerashs sind der kollossale Artemis-Tempel (160 x 120 m) mit seinem grandiosem Torbau aus sechs 16 Meter hohen Säulen mit einem Durchmesser von 1,5 Metern aus dem Jahr 180 nach Christus, und zahlreiche Kirchen mit herrlichen Mosaiken aus römischer und byzantinischer Zeit sowie der zu Ehren Kaiser Hadrians errichtete Triumphbogen vor den Mauern der Stadt.

Seine Blütezeit erlebte Gerasa gegen Ende des 2. und zu Beginn des 3. Jahrhunderts, als die Stadt in den Rang einer römischen Kolonie erhoben wurde. Damit erhielten seine Bewohner römisches Bürgerrecht und wurden von drückenden Steuerlasten befreit, was zur Folge hatte, dass sich ihr Lebensstandard erheblich verbesserte. Trotzdem begann der Abstieg bereits gegen Ende des 3. Jahrhunderts, als der Handel über den Seeweg Aufschwung nahm. Es folgten verschiedene Herrschaftsperioden. Das letzte dokumentarisch belegte Zeugnis bezieht sich auf das 12. Jahrhundert, als die Stadt von den Kreuzfahrern eingenommen wurde. Erst 1806 wurde das antike Gerasa durch den deutschen Archäologen und Altertumsforscher Ulrich Jasper Seetzen wiederentdeckt. Die Ausgrabungen dauern bis heute an.


Tipp: Das knapp eine Stunde Fahrtzeit nördlich von Amman gelegene Jerash gehört neben Petra zu den großartigen Sehenswürdigkeiten Jordaniens. Man sollte für die Besichtigung mehrere Stunden einplanen. Im schönsten Licht zeigt sich das antike Gerasa in den Morgenstunden sowie abends kurz vor Sonnenuntergang.